Wenn reale und virtuelle Welten verschwimmen

Neue Perspektiven für den Onlinehandel

Mixed und Augmented Reality sind nicht neu, trotzdem steckt die Technik noch in den Kinderschuhen. Neue Entwicklungen und das steigende Interesse des Handels könnten dem Thema in naher Zukunft neuen Auftrieb verleihen.

Was war das für ein Medienereignis, als im Jahr 2014 Googles Datenbrille Glass auf den Markt kam. Die Reaktionen – vor allem in Deutschland – lagen auf einer Skala zwischen „größte technische Neuerung seit dem iPhone“ und „Datenschutz-Supergau“. Die Aufregung hat sich schnell gelegt, denn wirklich durchsetzen konnte sich die Brille im Alltag nicht, sie war sogar ein ziemlicher Flop.

Es sieht also nicht danach aus, dass wir alle in der nahen Zukunft immer mit Datenbrille auf der Nase durch den Tag gehen. Das bedeutet allerdings nicht das Ende für Mixed und Augmented Reality.

WOZU DAS GANZE?

Es gibt durchaus Anwendungsfälle, in denen die Technologie zukünftig eine große Rolle spielen könnte. Ein Beispiel, das geradezu auf der Hand liegt, ist das Onlineshopping. Es ist mittlerweile möglich, so ziemlich alles online zu beziehen, von Kleidung über Fahrräder und Sportgeräte bis hin zu Möbeln. Woran es aber momentan noch hapert, ist die Präsentation dieser Waren. Allein anhand eines Bildes lässt sich häufig sehr schwer einschätzen, wie ein Möbelstück tatsächlich in der Wohnung wirkt oder ob ein Accessoire wirklich gefällt.

Das Ergebnis sind hohe Retourenquoten und natürlich die daraus entstehenden Kosten. Mixed und Augmented Reality könnten hier ein deutlicher Schritt nach vorne sein. Kein Wunder also, dass sich namhafte Onlinehändler bereits seit einiger Zeit mit dem Thema befassen – bisher allerdings nur mit mäßigem Erfolg. Eines der wenigen Felder, auf denen sich derartige Lösungen zumindest teilweise etabliert haben, ist der Onlineverkauf von Brillen. Das virtuelle Anprobieren funktioniert allerdings zumeist auf recht niedrigem technischen Niveau über den Browser. 

TECHNISCHE GRUNDLAGEN SCHAFFEN

Will man diese Anwendungen auf ein neues Level heben, ist eines klar: Es werden Geräte benötigt, die technisch dazu in der Lage und gleichzeitig so verbreitet sind, dass sie einen relevanten Teil der Kunden abdecken. Bei Amazon beispielsweise hat man mittlerweile einige Erfahrung damit, einen neuen Markt aufzubauen und die Geräte gleich mitzuliefern. Mit dem Kindle etwa gab das Unternehmen aus Seattle den Startschuss für den E-Book-Markt. Es kommt also alles andere als überraschend, dass Amazon aktiv am Augmented-Reality-Shopping arbeitet. Über die tatsächlichen Produkte, an denen getüftelt wird, ist allerdings noch recht wenig bekannt.

Da ist man in Redmond, dem Firmensitz von Microsoft, schon weiter. Durch die HoloLens kann das Unternehmen getrost als einer der Pioniere der Mixed Reality angesehen werden. Und Microsoft hat noch einen zweiten Pfeil im Köcher, der sich stärker an den Consumer-Markt richtet: das Windows Mixed Reality Headset. Im Gegensatz zur HoloLens benötigt diese Lösung einen VR-zertifizierten PC und steht damit in direkter Konkurrenz zu Oculus Rift, Sony PS4 VR und HTC Vive. Die Strategie von Microsoft scheint hier klar: Mixed Reality auf Windows-Basis in die Wohn- und Kinderzimmer bringen und sich so den Endverbrauchermarkt erschließen. Ein Punkt, der klar für das Mixed Reality Headset sprechen könnte, ist, dass es wohl möglich sein wird, auch für die HoloLens entwickelte Programme zu nutzen.

DIE DEN APFEL TRAGEN

Bei Innovationen auf dem Markt der mobilen Geräte kommt man spätestens seit der Einführung des ersten iPhones nicht an Apple vorbei. Mit der Einführung des Betriebssystems iOS 11 und dem darin enthaltenen AR-Kit tritt Apple mit Macht in den Markt ein. Mit iOS 11 hält die Augmented Reality Plattform auf mehr als einer Milliarde iPhones und iPads Einzug, und Experten gehen davon aus, dass dieser Schritt dem Markt einigen Auftrieb geben wird.

Auch Google hat reagiert und ARCore als Nachfolger der Tango-Plattform präsentiert. Während Tango bisher nur auf wenigen Android-Smartphones läuft, wird ARCore Bestandteil des Android-Betriebssystems und somit auf allen neuen Android-Smartphones zur Verfügung stehen. Was bislang sowohl bei Apple als auch bei Google fehlt, ist eine passende Brille, die als Wearable – ähnlich den Smart Watches – Augmentierung direkt vor dem Auge des Betrachters ermöglicht und somit das Benutzererlebnis auf eine revolutionär neue Stufe heben würde. Hier setzt Microsoft mit der HoloLens nach wie vor Maßstäbe.

EBNEN DIE CONSUMER DEN WEG?

Wie eingangs erwähnt, ist es eine Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Einsatz von Augmented und Mixed Reality im Online-Shopping, dass die Systeme eine hohe Verbreitung haben. Auf der technischen Seite ist es also ein großer Pluspunkt, dass alle wichtigen Player (neben Microsoft, Google und Apple auch Facebook mit Oculus, Samsung und HTC sowie im Gaming-Bereich Sony und Asus) auf eine relativ einheitliche Technologie setzen. In den meisten Fällen kommen die Unity- oder Unreal-Engine mit darauf abgestimmten Development-Kits für die jeweilige Hardware zum Einsatz. Diese Tatsache bedeutet für Unternehmen, die sich für dieses Thema interessieren, eine gewisse Investitionssicherheit, da sie sich nicht auf ein Gerät festlegen müssen.

Im Endkundenbereich könnte der Augmented und Mixed Reality also demnächst eine große Zukunft bevorstehen. Aber wie sieht es bei Anwendungen im Unternehmen aus? Hier scheint zumindest die aktuelle Generation der Geräte noch nicht reif für einen Einsatz in Handel und Logistik. Das liegt an der fehlenden Stabilität, die im rauen Arbeitsalltag eine wichtige Voraussetzung ist, und an der zu geringen Auflösung und Framerate, die einen 8-Stunden-Einsatz schlechterdings unmöglich macht. Wer allerdings die Entwicklung der Smartphones in den letzten 10 Jahren beobachtet hat, weiß, wie schnell sich hier die Vorzeichen ändern können. Man ist also in jedem Fall gut damit beraten, die Entwicklung im Auge zu behalten.

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