Nachhaltigkeit – die größte Herausforderung der Logistik?

Interview mit Prof. Dr.-Ing. Thomas Wimmer, Vorsitzender des Vorstands, Bundesvereinigung Logistik (BVL) e.V.

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Lieber Herr Prof. Wimmer. Gemeinsam mit der BVL Österreich verleihen Sie seit einigen Jahren den „Nachhaltigkeitspreis Logistik“. Aus welchen Gründen liegt Ihnen dieses Thema so am Herzen?

Den Nachhaltigkeitspreis Logistik gibt es seit 2012. Es war die BVL Österreich, die das Thema vorangetrieben und uns mit ins Boot geholt hat. Das Thema „grüne Logistik“ nahm damals einen breiten Raum in der öffentlichen Diskussion ein und es war uns wichtig, die Betrachtung zu erweitern. Planen, koordinieren, lenken, gestalten, machen: Effizienz ist das Geschäft der Logistiker, und Nachhaltigkeit ist für uns mehr als Umweltschutz. Für den Preis sind Unternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistung sowie realisierte kooperative Forschungsprojekte zugelassen. Es werden Arbeiten und Lösungen prämiert, die dem ganzheitlichen logistischen Grundsatz entsprechen und in allen drei Säulen der Nachhaltigkeit – Ökologie, Ökonomie und gesellschaftliche Verantwortung –  relevante Ergebnisse aufweisen. Seit 2012 hatten wir einen Preisträger aus der Industrie, zwei aus dem Handel und fünf aus dem Feld der Logistikdienstleister. Fünf Preisträger kamen aus Deutschland und vier aus Österreich. Die Preisverleihung 2020 musste angesichts der Corona-Krise leider verschoben werden und wird statt im April voraussichtlich im September stattfinden. Und wir haben wieder einen sehr guten Preisträger. Lassen Sie sich überraschen.

 

Kann die Digitalisierung einen Beitrag zu einer nachhaltigeren Logistik beitragen? Wenn ja, in welcher Form und unter welchen Bedingungen?

Leistungsfähige, moderne Logistik verbessert durch effiziente Wertschöpfung die Unternehmensergebnisse und sichert die optimale Ressourcennutzung. Für die Ökonomie sind Kriterien wie Effizienz und Effektivität, geringe Betriebskosten, niedriger Energieverbrauch oder effiziente Kundenbetreuung ausschlaggebend. In die Ökologie fließen Rohstoff- und Energieverbrauch, Materialverbrauch, Abfall, Emissionen im Betrieb, Verpackung, Transport, Demontage und Entsorgung ein. Durch die Digitalisierung stehen heute historische Daten und Echtzeitdaten zur Verfügung, welche Optimierungen ermöglichen, die weit über das erreichbare Niveau der Vergangenheit hinausgehen. Mit gut gepflegten Datenpools und kollaborativer Datentransparenz entlang von Wertschöpfungsketten können viele Optimierungen erschlossen werden – diese wirken ökonomisch, ökologisch und sozial.

 

Müssen Nachhaltigkeitsbestrebungen zwangsläufig zu höheren Kosten führen?

Nein. Ob und in welchem Umfang Kosten steigen, hängt von den jeweiligen Nachhaltigkeitszielen ab, die erreicht werden sollen. Eine kostenneutrale Wirkungskette kann so aussehen: Die Reduzierung des Energieverbrauchs durch Routenoptimierung senkt Kosten, trägt zur Wettbewerbsfähigkeit bei und reduziert gleichzeitig den Carbon-Footprint. Es kann jedoch auch der Fall eintreten, dass hohe Investitionen die Voraussetzung dafür sind, dass ein Nachhaltigkeitsziel erreicht wird. Denken Sie an den politisch gewünschten Ausstieg aus der Verbrennertechnologie. Eine solche Veränderung lässt sich nicht ohne hohe Investitionen darstellen und geht folglich nicht ohne erhöhte Logistikkosten vonstatten.

 

Die BVL spricht von drei Säulen der Nachhaltigkeit – Ökologie, Ökonomie und gesellschaftliche Verantwortung. Wie können es Unternehmen anpacken, ihre Logistik anhand all dieser Kriterien nachhaltiger zu gestalten?

Intelligente, verantwortungsvolle und damit im Endeffekt nachhaltige Logistik ist Teil der Lösung für viele Herausforderungen der 20er-Jahre des 21. Jahrhunderts. Informations- und Warenflüsse resultieren aus Kundenbedarfen. Je effizienter wir diese erfüllen, desto weniger Ressourcen werden verbraucht und desto besser können wirtschaftliche Potenziale erschlossen werden. Die ganzheitliche Perspektive auf logistische Aufgaben leistet ihren Beitrag zur Nachhaltigkeit – sowohl in technologischer Hinsicht als auch in der Planung und Steuerung von Abläufen, in der Organisation und beim Einsatz der Mitarbeiter.

 

Die Logistik wird derzeit weltweit durch Entwicklungen wie etwa nationale Abschottungstendenzen auf die Probe gestellt. Wenn Sie Ihre Hoffnungen für die Logistik der Zukunft in einen Satz zusammenfassen müssten – wie würde dieser Satz lauten?

Die Leistungen der Logistik werden in Politik und Gesellschaft anerkannt und wertgeschätzt, denn alle haben verstanden: ohne Logistik gäbe es keine Wirtschaft und keinen Wohlstand – weder global noch national.

 

Herr Prof. Wimmer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte Kerstin Stapelmann von der SALT Solutions AG.

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