Interview: Was ändert sich durch die Wartungsverlängerung von SAP ECC 6.0?

Mario Zillmann zu den Ergebnissen der Lünendonk-Studie

Bewerten
1 Bewertungen,
Durchschnitt 5,0

Lünendonk hat Anfang 2020 eine Studie veröffentlicht, in der Unternehmen sich zu ihrer Sicht auf die S/4HANA-Transformation geäußert haben. In der Zwischenzeit hat die SAP bekannt gegeben, die Wartungsfrist der Vorgängerlösung, SAP ECC 6.0, zu verlängern. Wie könnte sich dadurch die Einstellung der befragten Unternehmen zur Transformation ändern?

Die Studie zur S/4HANA-Transformation  – eine Gemeinschaftsproduktion von Lünendonk & Hossenfelder und verschiedenen Partnern, unter anderem auch SALT Solutions – zeigt auf, an welchem Punkt Unternehmen in Deutschland gerade auf dem Weg zu S/4HANA stehen, welchem Migrationsansatz sie wählen und welche Potentiale und Herausforderungen sie sehen.

Nachdem die Studie erschienen ist, hat SAP bekannt gegeben, dass die Wartungsfrist der ERP-Vorgängerlösung SAP ECC 6.0 von 2025 auf 2027 verschoben wird. Wir haben mit Mario Zillmann, Partner bei Lünendonk & Hossenfelder, gesprochen, einem der Verantwortlichen für die Studie, und wollten wissen, wie er die Ergebnisse der Befragungen einordnet und welche Änderungen er nach der Wartungsverlängerung erwartet.

Welches Ergebnis aus der Studie kam für Sie am überraschendsten?

Ich persönlich hätte eigentlich damit gerechnet, dass mehr Unternehmen schon weiter in ihrer Planung sind. 52 Prozent befinden sich laut unserer Studie noch in der Erstellung eines Business Cases. Das bedeutet, dass diese Unternehmen zur Zeit unserer Befragung noch keine Strategie oder Roadmap für die Umstellung entwickelt haben, während die Zeit für die Systemmigration immer knapper wird. Natürlich darf man die strategischen Ausmaße eines solchen Projektes nicht unterschätzen und viele Funktions- und Geschäftsbereiche sind betroffen und müssen sich auf eine Strategie einigen. Darüber hinaus gibt es in den meisten Unternehmen noch andere dringende Aufgaben rund um die Digitalisierung und sich verändernde Absatzmärkte. Doch spätestens seit 2015, als S/4HANA von SAP eingeführt wurde, haben Unternehmen, die das Vorgängersystem im Einsatz haben, die Möglichkeit, sich auf dieses Großprojekt vorzubereiten. Hier erkennt man eindeutig ein Zögern – aus meiner Sicht aufgrund von Unsicherheiten, fehlender Orientierung über die richtige Migrationsstrategie und bestehenden Unklarheiten in Bezug auf die SAP-Produktstrategie für S/4HANA.

Kürzlich hat die SAP die Wartung für SAP ECC und R/3 verlängert. Was würde sich Ihrer Meinung nach an den Ergebnissen der Studie durch diese Situation ändern?

Ganz klar verschiebt sich damit der zeitliche Horizont beträchtlich. Wir haben auch abgefragt, welchen Zeitraum die Unternehmen für die einzelnen Transformationsschritte einräumen. Viele Unternehmen mussten hier mit einer Migrationsdauer für die gesamte ERP-Landschaft von ein bis zwei Jahren einigermaßen knapp planen und haben jetzt die Möglichkeit, die zusätzlichen Jahre auszunutzen. Das entspannt sehr stark und die Unternehmen können ihre vielfältigen Aufgaben rund um die digitale Transformation nun besser priorisieren und zeitlich verteilen.

Vielen Kunden war bisher die S/4HANA-Roadmap vor allem in Hinblick auf die Integration anderer Business-Anwendungen nicht klar und es herrschte große Unsicherheit darüber, wie bestimmte R/3-Funktionalitäten weiterführt werden können, die von S/4 und den Cloud-Zukäufen wie Successfactors oder Ariba nicht abgedeckt werden. Ich gehe davon aus, dass deswegen jeder zweite unserer Studienteilnehmer angegeben hat, kein Vertrauen in die SAP zu haben. Dieses Vertrauen will die SAP-Führung nun wiederherstellen und hat vermutlich auch deswegen die Frist verlängert. Ich glaube, dass viele Kunden noch weiter abwarten werden, bis mehr Klarheit herrscht. An dieser Stelle sei den SAP-Kunden der ständige Dialog mit der SAP, den SAP-Anwenderverbänden sowie den SAP-Partnern sehr zu empfehlen, um auf den Laufenden zu bleiben.

Wichtig ist aus meiner Sicht außerdem, dass SAP jetzt auch schon eine Wartungsfrist für S/4HANA angegeben hat. Das gibt zumindest für die nächsten zwei Jahrzehnte Sicherheit und wird hoffentlich dazu führen, dass die Migrationsquoten bald steigen. Ob es beim Jahr 2040 bleibt, ist natürlich ungewiss. Dennoch ist es ein wichtiges Signal und gibt Planungssicherheit.

Nachdem die Unternehmen jetzt mehr Zeit bekommen haben, sich mit S/4HANA auseinanderzusetzen: Wofür sollten die Unternehmen diese Zeit am besten nutzen?

Ich sehe die Wartungsverlängerung als große Chance für Unternehmen, Systeme und Prozesse zu analysieren und einen stichfesten Plan für die Migration zu entwickeln – und zwar mit genug Zeit, um das auch wirklich nachhaltig zu tun. Eine gute Vorbereitung ist für ein Großprojekt wie die S/4HANA-Migration ganz zentral, damit man die strategischen Ziele am Ende auch erreicht.

Diese zusätzliche Zeit könnte zum Beispiel einen Einfluss das auf die Gestaltung der Migration haben. 57 Prozent der Unternehmen haben angegeben, dass sie den Brownfield-Ansatz bevorzugen. Das bedeutet, dass sie eine reine Systemumstellung planen, ohne die Prozess- und IT-Strukturen weitreichend zu verändern. Bei dieser Entscheidung spielen zeitliche Faktoren eine ganz entscheidende Rolle: Mit 34 Prozent ist die erwartete schnellere Umsetzung (verglichen mit dem Greenfield-Ansatz) der zweitwichtigste Grund für die Entscheidung und an dritter Stelle steht der vergleichsweise geringere Aufwand.

Inwieweit das Jahr 2025 hier genau eine Rolle gespielt hat, wissen wir selbstverständlich nicht. SAP hat allerdings mit der Wartungsverlängerung den Unternehmen mehr Zeit gegeben, sich genauer mit bestehenden Prozessen und Architekturen auseinanderzusetzen und sie vielleicht auch zu hinterfragen. Wir erwarten, dass es bei der Wahl der Methode nicht auf eine klare Trennung zwischen Brownfield und Greenfield hinausläuft. Unternehmen sind aus meiner Sicht gut beraten, ganz genau zu schauen, in welchen Funktionsbereichen eine reine Systemumstellung unter Beibehaltung der bewährten Strukturen (Brownfield) reicht und wo es sinnvoll ist, die SAP-basierten Geschäftsprozesse anzupassen und das ERP ganz neu aufzusetzen (Greenfield).

Ein Fazit Ihrer Untersuchung war, dass es in Unternehmen noch einige Unsicherheiten in Bezug auf die Umstellung gibt. Kann auch SAP mit der gewonnen zusätzlichen Zeit hier noch besser informieren?

Prinzipiell ist möglichst transparente Kommunikation immer sinnvoll. Man muss auch auf die Sorgen der Kunden reagieren. Ich denke, dass die Wartungsverlängerung genauso eine Reaktion der SAP war, mit der sie auf die Kundensorgen eingegangen sind.

Doch die Migration auf ein neues ERP-System ist immer komplex und fühlt sich für viele Unternehmen wie eine Bedrohung ihres betriebswirtschaftlichen Kerns an. Damit sollte auch die SAP sensibel umgehen und eine klare Kommunikationsstrategie mit Fokus auf dem Kundennutzen wählen, damit die Anwender abgeholt werden.

Ebenso ist das technische Know-how in vielen Unternehmen nicht ausreichend vorhanden. Das nötige Wissen können aus meiner Sicht vor allem IT-Dienstleister bieten. Denn die bringen nicht nur die IT-Expertise und die SAP-Erfahrung mit, sondern einige verfügen auch über ganz spezielles Branchen- und Prozesswissen. Das können sich Unternehmen zu Nutze machen, denn gemeinsam mit einem Dienstleister können sie sicherstellen, dass die S/4HANA-Migration zu ihren Zielen und zu ihrer Strategie passt und das Projekt genau passend auf sie zugeschnitten wird. Auch hier bietet die Wartungsverlängerung die große Chance, sich IT-Know-how zu sichern, denn der Markt ist begrenzt und bis 2025 wäre es sicherlich zu einem Projektstau gekommen.

Lünendonk®-Studie: Mit S/4HANA in die digitale Zukunft

Sie können die Studie „Mit S/4HANA in die digitale Zukunft. Status, Ziele und Trends bei der Einführung von S/4HANA im deutschsprachigen Raum.“ kostenlos auf unserer Website herunterladen.

Keine Updates
mehr verpassen:
1

Zurück