Digitale Fertigung in der Cloud – noch in weiter Ferne?

Digitale Fertigung in der Cloud
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Viele Unternehmen nutzen Cloud-Lösungen heute ganz selbstverständlich, etwa als „As-a-Service“-Angebote, und profitieren in vielen Geschäftsbereichen von der Flexibilität und Vielseitigkeit. Doch wenn es um den Produktionsprozess geht, sind viele Entscheider noch skeptisch.

Prof. Dr. Kai-Oliver Schocke, Professor for Production Management and Logistics an der Frankfurt University of Applied Sciences, erläutert im Gespräch mit SALT Solutions, wo Unternehmen heute in Punkto Digital Manufacturing stehen und ob die Cloud die Universallösung für die digitale Fertigung von morgen ist.

Prof.Schocke
Prof. Dr. Kai-Oliver Schocke

Kerstin Stapelmann: Lieber Herr Professor Schocke, sollten Fertigungsbetriebe am besten morgen schon die Steuerung ihrer Produktion in die Cloud umziehen?

Prof. Schocke: So schnell können Unternehmen ihre Produktion natürlich nicht komplett umstellen. Aber sie sollten sich genau ansehen, ob sie nicht bestimmte Funktionen und Prozesse schon bald in die Cloud umziehen können, weil sie damit einfach effizienter arbeiten. Produziert ein Unternehmen beispielsweise an verschiedenen Standorten, vielleicht sogar weltweit, lassen sich über die Cloud etwa Standard-Leistungszahlen viel einfacher vergleichen und die Ressourcenverteilung optimieren. Oder ein Shop Floor Designer kann in den verschiedenen Fabriken die Maschinenkonfiguration aus der Cloud heraus anpassen und auch die Qualität viel zuverlässiger prüfen, Stichwort Predictive Quality. Wegen solcher Vorteile werden meiner Meinung nach immer mehr Funktionen in die Cloud wandern und die On-Premise-Lösungen immer stärker unterstützen.

 

Wie digital sind die Fertigungsbetriebe heute schon?

Die Mehrzahl der Unternehmen ist von der digitalen Fertigung noch weit entfernt. Meiner Meinung nach kann die Cloud einen Betrieb gut dabei unterstützen, Fertigungsprozesse zu standardisieren und somit die nötige Effizienz für Erfolg im globalen Wettbewerb zu schaffen. Doch wir stoßen da nicht immer auf offene Ohren. Es herrscht, gerade im Mittelstand, noch eine gewisse Ratlosigkeit, welche Schritte in Richtung Digitalisierung tatsächlich die richtigen sind. Sollen wir unsere Daten in die Cloud geben? Brauchen wir erst mal mehr KI? Wie können wir Big Data für uns nutzen? Hier braucht es häufig einen Lotsen, der den Unternehmen ganz pragmatisch einen Weg zeigt, der auch schnell zu konkreten Ergebnissen führt, ohne dass gleich immense Summen investiert werden müssen.

 

Welche Hürden gibt es auf dem Weg in die Cloud?

Rein technisch sehe ich keine Hindernisse, die nicht mit einem maßgeschneiderten Ansatz zu überwinden wären. Aber eine zentrale Hürde besteht meines Erachtens in den mentalen Barrieren. Die Cloud, aber auch Big Data, KI und wie die ganzen Schlagworte heißen, schüren Skepsis. Es wird eine der großen Herausforderungen der nächsten Jahre sein, die ungeheure Kraft dieser neuen Tools zu nutzen. Wir müssen aber lernen, sie im Sinne der Menschen und der Effizienz einzusetzen.

 

Wandern die Manufacturing-Prozesse komplett in die Cloud?

Aus den oben ausgeführten Gründen glaube ich, dass nach und nach immer mehr Prozesse in die Cloud wandern werden. Ein wichtiges weiteres Argument für die Cloud ist die Datensicherheit. Entgegen der landläufigen Meinung, dass die Daten „im eigenen Keller“ am sichersten sind, sind sie in einer nach neuestem Standard abgesicherten Cloud deutlich besser aufgehoben. Eine vernünftig administrierte Cloud-Lösung ist eine bessere Alternative als eine On-Premise-Lösung, die wöchentlich nur ein Betreuungskontingent von zwei Stunden erhält.

 

Spricht der Faktor „Verfügbarkeit“ gegen die Manufacturing Cloud?

Bisher haben wir keinen Hinweis darauf, dass die Verfügbarkeit einer Cloud-Anwendung in der Fertigung unzuverlässiger sei als On-Premise. Wir müssen in erster Linie sicherstellen, dass die Software in der Cloud zuverlässig läuft, das ist natürlich die Basis. Und es muss natürlich möglich sein, vom Produktionsstandort aus über das Netz in die Cloud zu kommen, worüber das System läuft. Ist das sichergestellt, sehe ich keine Nachteile in Sachen Verfügbarkeit.

 

Wie findet ein Unternehmen den besten Einstieg ins Digital Manufacturing?

Der erste Schritt ist die Vernetzung der eingesetzten Maschinen und Objekte. Eine neue Werkzeugmaschine aus dem Jahr 2019 kann, weil komplett IoT-kompatibel, in die gesamte Bandbreite an vorliegende SAP-Programmen integriert werden. Das Problem an der Sache ist, dass die meisten Unternehmen heute jedoch noch alte Maschinen von 1950 oder sogar noch früher einsetzen. Doch es gibt immer mehr Lösungen, sogar diese alten Maschinen mit Sensoren auszustatten, etwa ganze IoT-Nachrüstsets. Diese Vernetzung ist die Basis für das Digital Manufacturing.

 

Herr Professor Schocke, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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