Die Innenstadt ist tot – es lebe die Innenstadt!

In der Vorweihnachtszeit kamen mir gefühlt Millionen Menschen entgegen und kauften ein wie die Weltmeister! Dass der stationäre Handel ums Überleben kämpft, will man so kaum glauben. Aber wann hatten Sie das letzte Mal ein richtig gutes Einkaufserlebnis in einer deutschen Innenstadt?

Einkaufserlebnisse ganz besonderer Art verspricht die traditionsreiche Handels- und Messestadt Leipzig. In deren Passagen bieten viele kleine inhabergeführte Geschäfte individuelle Alternativen zu den von den deutschlandweit gleichen Filialen der Einzelhandelsketten geprägten großen Einkaufsstraßen. Leipzigs Weihnachtsmarkt wurde gerade zum schönsten Deutschlands gewählt und doch ist hier der Druck gewaltig: Bei genauerem Hinsehen zeigen sich Leerstände und Anfang 2019 wird das traditionsreiche KARSTADT schließen. Und das, obwohl es sehr beliebt ist. Obwohl mit einem Wermutstropfen behaftet, fand hier im November das erste Reallabor des Projektes SURTRADE (Smart Urban Retail Services – Integriertes Service System für den Cross-Channel-Handel in der Zukunftsstadt) statt und zeigte Besuchern verschiedene Möglichkeiten, wie eine digital vernetzte Zukunft der Innenstadt aussehen könnte.

Über das Projekt SURTRADE

Im Projekt SURTRADE forschen wir gemeinsam mit dem Institut für Stadtentwicklung und Bauwirtschaft der Universität Leipzig, der Handelshochschule Leipzig (HHL) und der Kühne Logistics University (KLU) aus Hamburg im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung & Forschung geförderten Forschungsprogramms „Smart City“. Unser Lösungsansatz besteht in einer Art digitalem Werkzeugkasten und vorgefertigten Service-Bausteinen für die Händler in den Innenstädten.

Virtual Reality

Damit Kunden den Weg zum Einzelhändler finden, müssen sie Erlebnisse auf der Fläche bieten, die man so nicht im Internet oder auf dem Smartphone findet. Bei SALT Solutions entwickeln wir solche Anwendungen mit Innovationspotenzial. Wer zu uns ins Reallabor kam und sich die VR-Brille aufsetzte, konnte in eine andere Welt abtauchen. Im Zentrum der von uns entwickelten virtuellen Einkaufswelt gibt es einen Laden mit vielen Regalen an den Wänden. In den Fächern liegen Pullover, Hosen und anderen Kleidungsstücke. In der Mitte der Fläche steht eine interaktive Schaufensterpuppe, die darauf wartet, vom VR-Brillenträger als Avatar zum virtuellen Leben erweckt zu werden. Nach eigenem Geschmack konnte der Besucher dem Avatar verschiedene Kleidungsstücke anziehen, neue Frisuren gestalten oder im Raum umherspazieren und dabei mehrere Erlebniswelten erkunden: Vom Strand über den Meeresgrund bis hin zu einer Raumstation. Genau dafür wurde das Reallabor ins Leben gerufen: Der Besucher soll ein Gefühl dafür bekommen, wie die Zukunft im Einzelhandel aussehen kann und wie die einzelnen Services miteinander verbunden sind. Denn der Service, mehr anzuprobieren als im Laden zur Verfügung steht, ist sehr eng verzahnt mit dem Service, sich die virtuell anprobierten Kleidungsstücke nach Hause liefern zu lassen.

Auch die VR-Brille HoloLens von Microsoft hat viele neugierige Besucher angelockt: Hier passt man den Avatar an die eigenen Körpermaße an und kann dann verschiedene Schnitte, Designs und Farbkombinationen betrachten. Eine andere von der KLU entwickelte HoloLens-Anwendung zeigte, wie der Sessel in grau (der real im Raum steht) virtuell in anderen Farben aussehen könnte. Hier kann also die gesamte Sortiments-Palette gezeigt werden, ohne dass der Händler eine große Lagerhalle anmieten muss.

Leipzig Digital – Der digitale Einkaufsführer

Das Institut für Stadtentwicklung hat einen Stadtplan entworfen, der nicht nur die üblichen Google-Maps-Einträge wie Restaurants, Straßennamen oder Haltestellen anzeigt. Auch Dinge, die man in der Innenstadt oft lange suchen muss, werden angezeigt: Toiletten, Wickelkommoden, Sitzbänke, Spielplätze und Wasserspiele. Das ist für ältere Menschen ganz wichtig, sie müssen sich ausruhen können. Eltern von kleinen Kindern freuen sich über eine Auswahl an Spielmöglichkeiten, damit der Spross auch eine gute Zeit hat. Und für die Wohlfühlatmosphäre und als Ort der Begegnung ist Wasser immer eine Chance. Leipzig Digital ist übrigens auch für die Stadtentwickler ein gutes Tool, da es zeigt was fehlt und was eine Einkaufsstraße braucht, um attraktiv zu sein. In den internationalen Mega-Malls gehören Schwimmhallen, Eislaufbahnen, Aquarien und Indoor-Spielplätze zum Standard – in Deutschlands Innenstädten ist man schon froh, eine Toilette zu finden und genug Bargeld in der Tasche zu haben.

Lieferservice App – Schluss mit Schleppen

Ein weiteres Argument für Stadtmuffel: „Dieses ewige Tütengeschleppe!“ Auch dafür haben sich die SURTRADE-Mitglieder etwas einfallen lassen. Die Kunden können sich ihre gekauften Waren sicher und bequem vom Händler direkt nach Hause liefern lassen. In Stadtnähe sollte das mit einem Lastenrad möglich sein, damit es keinen Verkehrskollaps gibt. Der Service kam gut an bei den Besuchern. Besonders für ältere Menschen erleichtert der Versand den Stadtbummel ungemein. Die LVZ-Post hat in der Zeit des Reallabors unzählige Pakete vom Geschäft bis an die Wohnungs- oder Haustür des Kunden gebracht. Ob es letztendlich die Straßenbahn, ein Elektrobus, eine Drohne oder ein Fahrrad ist: Es bietet einen Mehrwert für den Händler, der mehr Kunden im Laden hat und den Kunden, der länger in der Innenstadt verweilt, weil er die Hände wieder frei hat.

Austausch und gegenseitiges Lernen

Wir leben in einer Zeit, in der vieles in Bewegung ist. Eine Zeit, in der so ziemlich alles möglich ist. Mit Hilfe der Digitalisierung können wir Prozesse vereinfachen, verbessern und attraktiv gestalten. Möglichkeiten gibt es unendlich viele. Sie sollten jedoch für alle Beteiligten sinnvoll sein. Das Reallabor hat gezeigt, dass die Digitalisierung einen immensen Mehrwert für den Kunden und den Einzelhändler schafft. Verschiedene SURTRADE-Mitglieder leisten für erst einmal drei Jahre einen Beitrag, der die Innenstadt und ihre Möglichkeiten in den Mittelpunkt stellt. Die Veranstaltung im November war der erste Meilenstein, um die mit Kunden gemeinsam entwickelten Anwendungen vor Ort zu testen. Wir sind auf viel Zuspruch, viele Ideen und Anmerkungen aber auch auf Kritik gestoßen. Und genau dieser Austausch war das Ziel, denn nur wenn alle Beteiligten zusammenkommen, werden echte Lösungen geschaffen. Das gilt im Einzelhandel genauso wie bei jedem anderen Wandel unserer Zeit.

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