Aktuelle Trends in der Chemie- und Pharmabranche

Wie Unternehmen mit digitalen Lösungen darauf reagieren können

Die Digitalisierung macht vor keiner Branche halt. Auch Unternehmen der Chemie- und Pharmaindustrie stehen vor der großen Aufgabe, diese Herausforderung zu bewältigen und die sich daraus ergebenden Chancen der Digitalisierung gewinnbringend für das Unternehmen zu nutzen.

Sowohl in Konzernen als auch bei Mittelstandsunternehmen sind Themen wie Harmonisierung, Standardisierung sowie Transparenz der Prozesse und IT-Systeme essentielle Bausteine der Digitalisierung.Besonders Pharmaunternehmen sollten die Standardisierung als wichtigen Teil ihrer Digitalisierungsstrategie wahrnehmen. Seit einiger Zeit kann man beobachten, dass Gewinnmargen in dieser Branche sinken. Gleichzeitig steigen aber auch die Kosten, die mit der Entwicklung und Herstellung von Medikamenten einhergehen. Eine Automatisierung und Standardisierung von Prozessen hilft Pharmaunternehmen dabei, effizient zu arbeiten und Prozessschwächen zu eliminieren.

Das ist besonders wichtig, da sich Pharmaunternehmen mit sehr strikten Regularien auseinandersetzen müssen. Jeder Prozess muss stetig und lückenlos zurückverfolgt werden können, um eine fehlerfreie Chargendokumentation sicherzustellen. Hier bietet die Digitalisierung eine große Chance: Je automatisierter und standardisierter Prozesse ablaufen, umso weniger Zeit kostet eine fehlerfreie Dokumentation.  

Sowohl die Globalisierung als auch die Standardisierung stellen große Herausforderungen an die zugrundeliegende Systemstruktur. Wer auf lange Sicht mit vielen unterschiedlichen und miteinander nicht kompatiblem IT-Lösungen hantiert, bremst sich selbst aus. Das Ziel muss eine Harmonisierung aller Systeme sein, damit diese Unternehmen langfristig agil und transparent handeln können.

Der Markt wird zunehmend komplexer

Darüber hinaus müssen sich Pharmaunternehmen auf wachsende Konkurrenz von branchenfremden Unternehmen einstellen. Technologieriesen wie Google, Amazon und Samsung zeigen schon länger Interesse an der Branche und wagen sich zunehmend in den Gesundheitssektor vor. Auch Startups können für etablierte Pharmaunternehmen gefährlich werden, nämlich dann, wenn sie schneller dabei sind, gezielt auf Anforderungen aus dem Markt zu reagieren.

Der Schlüssel zum Erfolg liegt in einer stärkeren Ausrichtung auf den Endkunden. Dank Internet sind Patienten heute besser informiert als jemals zuvor. Sie übernehmen damit mehr Eigenverantwortung für ihre Gesundheit. Unternehmen müssen auf diese Veränderung reagieren, indem sie die Patienten und deren Interessen als zentral für die eigene Strategie begreifen. Auch hier bietet die Digitalisierung neue Chancen: Die Kommunikation mit dem Patienten wird über digitale Plattformen direkter. Zusätzlich können Unternehmen Patientendaten besser nutzen und auswerten, um die eigenen Prozesse und Bedarfe zu steuern.  

Kleinere Chargen dank personalisierter Medizin

Ein weiterer Trend, auf den sich Pharmaunternehmen einstellen müssen, ist die Entwicklung hin zu personalisierter Medizin. Laut dem Verband Forschender Arzneimittelhersteller gibt es aktuell in Deutschland 65 Medikamente, die personalisiert eingesetzt werden. Der Verband rechnet damit, dass in den nächsten Jahren noch weitere Medikamente hinzukommen werden.

Ein besonders extremes Beispiel für diese Form der Behandlung ist die Krebsimmuntherapie mit gentechnologisch veränderten T-Zellen, die sogenannte CAR-T-Zelltherapie. Bei dieser speziellen Therapie, die inzwischen sowohl in den USA als auch in Europa bei bestimmten Krebserkrankungen zugelassen ist, wird dem Patienten zunächst Blut entnommen. Daraus werden die sogenannten T-Zellen isoliert und anschließend mit dem Gen für einen sogenannten chimären Antigenrezeptor (CAR) versehen. Dieser CAR ermöglicht den Zellen später das Erkennen von Krebszellen. Nach einer Vermehrung dieser Zellen werden sie dem Patienten wieder zurückgegeben. Die CAR-T-Zellen sind in der Lage, die Krebszellen des Patienten zu bekämpfen. Trotz teilweiser massiver Nebenwirkungen verspricht die Therapie große Erfolge.  

Für diese Therapiemethode werden Medikamente also für jeden einzelnen Patienten individuell angepasst. In den meisten Fällen der personalisierten Medizin wird allerdings lediglich die Auswahl der Medikamente an den Patiententypen genauer angepasst. Doch auch hier ergeben sich für Pharmaunternehmen große Herausforderungen: Die Zahl der Medikamente steigt, allerdings nicht die Zahl der zu behandelnden Patienten. Chargen werden dementsprechend kleiner, mit dementsprechend hohen Anforderungen an die Produktionsprozesse. Pharmaunternehmen sollten sich darauf vorbereiten, Produktions- und Lieferungsprozesse entsprechend schlank und flexibel zu gestalten. Auch hier unterstützen digitale Systeme dabei, automatisierte Prozesse kosten- und zeitsparend durchzuführen.

Die Chancen von Chemie 4.0 nutzen

Die digitale Transformation stellt auch die chemische Industrie vor erhebliche Herausforderungen, eröffnet ihr aber auch viele ungeahnte neue Möglichkeiten. Dabei spielt die künstliche Intelligenz (KI) eine wichtige Rolle, um Veränderungsprozesse anzustoßen und Prozesse sowie Systeme in Zukunft wesentlich effizienter zu gestalten. Dabei bedarf es einer Verbindung von Chemie und Technologieder Industrie 4.0, was wir hier Chemie 4.0 nennen möchten. Dazu gehören neben der KI die Vernetzung von physischen und virtuellen Gegenständen sowie der Einsatz von Robotertechnik. Auch die Nutzung von Plattformen wird den Firmen einen wesentlichen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Es gilt für die chemische Industrie, die Vorteile von Chemie 4.0 zu nutzen, um Themen wie ressourceneffiziente Herstellung, Rücknahme und chemisches Recycling in den Griff zu bekommen.

Die Digitalisierung strategisch umsetzen

Am Anfang von Digitalisierungsbestrebungen ist gerade in der Chemie- und Pharmaindustrie eine Bestandsanalyse wichtig. Um den eigenen Wettbewerbsvorteil für die nächsten Jahre zu sichern, ist es von zentraler Bedeutung, die Optimierungspotentiale genau zu kennen – und direkt auszuschöpfen.

Aufbauend auf dem Ergebnis der Standortbestimmung kann man dann die eigentliche Strategie entwickeln, indem man Handlungsoptionen identifiziert und bewertet. In diesem Zuge müssen die Anforderungen an die Zielbebauung sowie die Modernisierung und Erweiterung der Systemlandschaft genau definiert werden.

Das Ergebnis ist eine kundenspezifische Anwendungs-Roadmap. Diese strukturiert und priorisiert Maßnahmen und Ziele und gibt die einzelnen Schritte sowie Aktivitäten genau vor. Generische Projektmodelle decken die branchenspezifischen Anforderungen nicht direkt ab, daher sollten Digitalisierungsprojekte individuell auf die Anforderungen des Unternehmens abgestimmt sein. Hierbei kann ein externer Dienstleister mit Blick auf die gesamte Supply Chain wertvolle Unterstützung leisten.

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