Der digitale Zwilling: Aus Science-Fiction wird Realität

Doppelgänger und Zwillinge üben seit jeher eine große Faszination auf die Menschheit aus. Immer wieder tauchen sie als Werbeträger, Forschungsobjekte oder Motive in Kunst und Literatur auf. Mit der Digitalisierung tut sich hier eine weitere faszinierende Dimension auf: Kaum ein Teilaspekt der Digitalisierung ist so spannend wie der des digitalen Zwillings.

Dabei geht die Vorstellung des digitalen Zwillings mittlerweile weit über dessen wohl bekannteste Form hinaus – den Avatar, der uns als digitaler Stellvertreter schon seit Anbeginn des World Wide Web und spätestens seit dem Web 2.0 repräsentiert. Die Avatare der meisten Menschen bestehen zwar nach wie vor nur aus einem mehr oder weniger fantasievollen Namen und einem einfachen, häufig comicartigen Bild. Doch sie sagen bereits etwas über uns aus – den Namen seines Avatars wählt man ja schließlich nicht zufällig. Aktuell können wir Emojis mit unserer Mimik in Form von Animojis zum Leben erwecken und uns so auf eine neue Art im Chat präsentieren.

Eine weitere Evolutionsform des Avatars ist der maßgeschneiderte holografische Avatar, der uns in virtuellen und augmentierten Welten vertritt. Dank der aktuellen technischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts ist es möglich, ein fotorealistisches 3D-Abbild seiner selbst zu erstellen oder erstellen zu lassen, ohne dass dafür die Kosten einer Hollywood-Produktion anfallen. Die gerade entstehenden Social-VR-Plattformen wie Sansar, High Fidelity oder VRChat – um nur einige zu nennen – ermöglichen es, sich mit seinem maßgeschneiderten digitalen Zwilling in der virtuellen Welt zu bewegen.

Avatare erobern die Business-Welt

Nun können Sie einwenden, das Ganze sei doch nur Spielerei. Es kann allerdings auch ausgesprochen nützlich sein. Stellen Sie sich vor, Sie hätten die Möglichkeit, verschiedene Kleidungsstücke mit Ihrem Avatar anzuprobieren, ohne dass Sie sie in der realen Welt bestellen oder gar in ein Geschäft gehen müssen. Und bedenken Sie, dass die Anprobe mit einem virtuellen Avatar mehr Maße liefert als ein Maßschneider benötigt. Das Problem der Retouren im Fashion-Onlinehandel ließe sich mit dieser Art digitalem Zwilling auf ein Minimum reduzieren.

Nun gibt es digitale Zwillinge mittlerweile auch für Gebäude und ganze Städte, für Veranstaltungen, Produkte und Unternehmen, Prozesse, Dienstleistungen und vieles mehr. Entscheidende Voraussetzung ist dabei immer ein virtuelles Modell, welches die reale und virtuelle Welt verbindet. Die sogenannte Mixed Reality umfasst das gesamte „Realitäts-Virtualitäts-Kontinuum“ mit stufenlosen Zwischenstadien zwischen echter Realität und reiner Virtualität.

Digitale Zwillinge in der Bauwerksdatenmodellierung

Dass das Ganze nicht Science-Fiction ist, sondern sehr wohl etwas mit ernsthaftem Business zu tun hat, zeigen Anwendungsfälle im sogenannten BIM, dem Building Information Modeling bzw. der Bauwerksdatenmodellierung. Dabei handelt es sich um eine Methode zur optimierten Planung, Ausführung und Bewirtschaftung von Gebäuden und anderen Bauwerken mit Hilfe von Software und digitalen Modellen.

Alle relevanten Bauwerksdaten werden digital modelliert, kombiniert und erfasst und als virtuelles Modell auch geometrisch visualisiert. Das Faszinierende daran ist, dass dieser digitale Zwilling des Bauwerks lange vor seinem realen Gegenstück existiert. Insbesondere bei komplexen Vorhaben können hier Fehler frühzeitig erkannt und im realen Baugeschehen vermieden werden: „Wir haben unser Projekt sechsmal digital gebaut und danach wussten wir, wie wir es in der Realität bauen müssen“ – so ähnlich lautet die Werbebotschaft eines BIM Software-Anbieters, die angesichts diverser katastrophaler Fehlplanungen aktueller komplexer Großprojekte sehr plausibel wirkt und die Potenziale zeigt, die in dieser Technologie stecken.

Lesen Sie im zweiten Teil unserer kleinen Blogreihe zum Thema „Der digitale Zwilling“, mit welchen Technologien sich digitale Zwillinge im Geschäftsumfeld kostengünstig umsetzen lassen.

 

 

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